Zinskritik-Kritik

Mein geschätzter Kurskollege hat seine Zinskritik, auf die ich geantwortet hatte, in einem neuen Beitrag bestärkt und sich kritisch mit meinen Überlegungen, die ich in dem Artikel „Warum der Zins unverzichtbar ist“ dargelegt hatte, auseinandergesetzt. So sehr ich seinen engagierten Vortrag schätze und respektiere, so deutlich muss ich ihm aber widersprechen.

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Er verkennt grundlegende Zusammenhänge und hat (leider) auch nicht immer genau genug bei meiner Argumentation zugehört. So habe ich nicht geschrieben, ich glaubte, dass „Wachstum auf absehbare Zeit unendlich sei“. Das wäre ein Widerspruch in sich, da nichts auf absehbare Zeit unendlich sein kann. Und es wäre auch ganz unsinnig zu glauben, dass der Mensch und alles, was er geschaffen hat und schaffen kann, kein Ende hat. Wir alle wissen, dass die Lebenszeit der Sonne und damit unseres Sonnensystems endlich ist und damit auch alles Leben auf der Erde einmal ein Ende finden wird. Was ich gesagt habe ist, dass sich alle Vorhersagen zu den „Grenzen des Wachstums“ als verfehlt erwiesen haben. Das ist in der Tat keine Glaubensfrage, sondern eine leicht belegbare Tatsache. Weiterhin habe ich gesagt, dass ich nicht glaube, dass „dem Wachstum in der Welt absehbare Grenzen gesetzt sind“. Statt „glauben“ hätte ich auch von „meiner Überzeugung“ sprechen können, aber ich hätte diese auf die Zukunft gerichtete Aussage schlechterdings empirisch beweisen können.

 

Was uns die Empirie mit Blick auf das Wachstum der Wirtschaft allerdings lehrt ist, dass das Einkommen der Menschen inklusive dessen, was wir heute „Volkseinkommen“ nennen, seit Beginn des menschlichen Zusammenlebens bis zum heutigen Tag stetig, wenn auch mit immer wiederkehrenden Brüchen, gewachsen ist. Stetiges Wachstum ist also – historisch-empirisch betrachtet – eine unbestreitbare Tatsache. Warum dieses Wachstum morgen, übermorgen oder in fünf Jahren für immer enden sollte, ist mir nicht ersichtlich und lässt sich sicher nicht empirisch belegen. Dies gilt umso mehr, als die historischen Treiber des wirtschaftlichen Wachstums unvermindert fortbestehen. Diese Treiber sind die stetig wachsenden Bedürfnisse der Menschen (teilweise auch getrieben vom Bevölkerungswachstum) und die menschliche Innovationskraft. Bei allen Diskussionen zu den Grenzen des Wachstums ist oft eine sehr bedauerliche Verengung der Perspektive auf die entwickelten Industriestaaten zu beobachten, in denen viele Bedürfnisse heute bereits befriedigt sind und in denen die Bevölkerung – wenn überhaupt – nur wenig wächst. Drei Viertel der Menschen leben allerdings unter Bedingungen, bei denen sehr viele, oft sogar sehr grundlegende Bedürfnisse eben nicht erfüllt sind. Ein Ende des Wachstums würde diesen Menschen jeden wirtschaftlichen Fortschritt versagen.

Wirtschaftliche Betätigung muss sich, wenn sie erfolgreich sein will, an den Bedürfnissen der Menschen nach Fortschritt und wachsendem Wohlstand, nach den kleinen und großen Dingen des täglichen Lebens, die uns allen wichtig sind, orientieren. All dies, die Bedürfnisse der Menschen und ihre Befriedigung durch Unternehmen und Wirtschaftstreibende, mit dem Motiv der „Gier“ zu umschreiben, ist schon allgemein sehr verkürzt und für die meisten Betroffenen kränkend. Bezogen auf diejenigen, denen mein Kollege vielleicht noch nie begegnet ist und die nicht einmal ihre Grundbedürfnisse erfüllen können, ist eine solche Betrachtungsweise regelrecht zynisch.

 

Ist also nach meiner Überzeugung die Erwartung an weiteres Wirtschaftswachstum eine sehr gut begründete Annahme (und die umgekehrte Vorstellung vom Ende des Wachstums durch nichts belegbar), so bleibt die Frage, ob die Ergebnisse des Wachstums „fair“ verteilt sind. Dieser Frage widmet sich mein Kollege im Weiteren, wobei allerdings Fragen der Verteilungsgerechtigkeit mit denen zum Funktionieren unseres Wirtschaftssystems insgesamt vermengt werden. Ich möchte mich einigen Punkten im Einzelnen zuwenden:

Eine Kernaussage meines Kollegen ist die, dass das Vermögen der einen die Schulden der anderen ist. Gleichzeitig wird die Behauptung aufgestellt, dass „das Vermögen“ bei „einigen wenigen Superreichen“ konzentriert ist, während „die Masse der Menschen die Schuld zu tragen hat und on top noch die Zinsen für das Vermögen der wenigen Superreichen in der Realwirtschaft verdienen muss“. Ich habe selten einen Satz gelesen, in dem so viele unrichtige und durch nichts belegte Aussagen stehen. Zunächst einmal ist der Wohlstand in Deutschland bei weitem nicht so ungleich verteilt, wie es der zitierte Satz erscheinen lässt. Ein objektiver Maßstab für die Verteilung von Vermögen in einer Gesellschaft ist der sog. Gini- Koeffizient. Nach diesem und anderen Faktoren liegt Deutschland bei der Bewertung der Gleichheit der Vermögensverteilung weltweit an 15. Stelle. Zum Teil weit weniger gleich verteilt ist das Vermögen in Ländern wie zum Beispiel den Niederlanden, Frankreich, Kanada, der Schweiz, Italien Spanien Großbritannien und den USA. Mein geschätzter Kollege vermittelt dagegen den Eindruck, in Deutschland herrschten Verhältnisse wie in einigen afrikanischen Staaten, die in dieser List ganz am Ende liegen.

 

Falsch ist auch der Gedanke, dass des einen Menschen Vermögen die Schulden des Anderen sind. Wenn ein wohlhabender oder vielleicht sogar „superreicher“ Mensch ein Haus oder eine Fabrik besitzt, dann steht diesem Vermögenswert doch keine Schuld gegenüber, die ein Arbeitsloser oder kleiner Angestellter tragen muss. Im Gegenteil, der Unternehmer hat die Fabrik vielleicht nur deswegen bauen können, weil er selbst einen Kredit aufgenommen hat. Und den Kredit hat ihm vielleicht eine Bank gegeben, die ihn an einen Pensionsfonds verkauft hat, der damit die Rente des kleinen Angestellten sichert. Ganz abgesehen davon können in der Fabrik Menschen arbeiten (und Geld verdienen) und die Autos produzieren, mit denen unsere Eltern zur Arbeit und wir mit ihnen in den Urlaub fahren. Auch ist es nicht richtig, dass die Geringverdiener hohe Schulden bei den Superreichen haben, die sie mit Zinsen zurückzahlen müssen. Die meisten Geringverdiener sind Gläubiger. Sie haben aufgrund ihrer Spareinlagen bei den Banken, ihrer Lebensversicherungen und ihrer Rentenanwartschaften Ansprüche gegenüber Banken, Versicherungen sowie gegen Unternehmen und Rentenkassen. Diese Ansprüche verlieren aber dramatisch an Wert, wenn, wie gegenwärtig, der Zins sehr niedrig ist. Wenn mein Kollege eine Abschaffung der Zinsen fordert, dann kann er die praktischen Folgen eines solchen Schrittes jeden Tag beobachten. Die gegenwärtige „Null-Zins-Politik“ benachteiligt in großem Maße die kleinen Sparer und künftigen Rentenempfänger und begünstigt die Schuldner, allen voran den Staat. Wer heute für das Alter vorsorgen möchte, kann dies nur dann tun, wenn sein Vermögen groß genug ist, um es diversifiziert zu investieren. Wer, wie gerade die kleinen Sparer, auf traditionelle Instrumente wie das Sparbuch, die Lebensversicherung oder die private Zusatzrente setzen muss, hat reale Vermögenseinbußen zu erwarten.

Da „die Masse“ nicht „die Schuld“, die es den Reichen angeblich erlaubt, ihr Vermögen zu bilden, trägt, besteht auch nicht die Gefahr, dass sie („die Masse“) unter dieser Last zusammenbricht – und mir ihr das ganze System. Unrichtig ist, nebenbei bemerkt, auch, dass ein solcher Zusammenbruch in der Geschichte zu Hyperinflationen geführt hat. Hyperinflationen entstehen, wenn weit mehr Geld geschaffen wird, als real an Vermögenswerten vorhanden ist. Dies ist in Deutschland zweimal geschehen, jeweils nach einem katastrophal verlorenen Weltkrieg. Es gab so viel Geld und so wenig Güter, dass die Menschen ihr Vertrauen in das Geld verloren hatten. Niemand war bereit, sein Geld anderen zu überlassen, da niemand die Erwartung hatte, zum Zeitpunkt der Rückzahlung einen vergleichbaren Wert zurückzuerhalten. Eine Hyperinflation führt übrigens in der Tat zu einer Umverteilung, allerdings ganz anders, als es sich offenbar mein Kollege vorstellt. Eine Hyperinflation enteignet die Sparer und entschuldet die Schuldner. Besonders begünstigt sind die Inhaber von Sachwerten, also von Häusern, Fabriken, Schmuck und Kunstgegenständen, während die Inhaber von Geldvermögen alles verlieren. Wie das Beispiel der Hyperinflation des Jahres 1923 zeigt, ist eine Hyperinflation die denkbar asozialste Form der Umverteilung.

 

Was nun die letzte Behauptung meines Kollegen betrifft, dass die Existenz von Zinsen die soziale Ungleichheit verstärkt, so wird diese Behauptung durch stete Wiederholung nicht richtiger. Die Menschen mit größeren Vermögen und vor allem mit Sachwerten haben vielfältige Möglichkeiten, aus ihrem Vermögen Ertrag zu erwirtschaften. Die „Masse“ der Bevölkerung, um diesen etwas eigenwilligen Begriff meines Kollegen aufzugreifen, ist dagegen neben der Nutzung der eigenen Arbeitskraft weitgehend auf Zinseinkünfte angewiesen. Wie schon mehrfach wiederholt, werden diese Einkünfte gerade von den „Normalverdienern“ gezogen aus Spareinlagen, Lebensversicherungen und Renten. Alle drei Instrumente sind für die meisten Menschen essentielle Bestandteile ihrer Altersvorsorge. Liegt der Zins sehr niedrig oder ist er sogar, wie heute, negativ, bricht für die Normalverdiener ein existentieller Teil ihrer zukünftigen Einkünfte weg. Wie dies kompensiert werden soll, ist völlig unklar und würde sich bei einem Fortbestehen der derzeitigen Zinssituation zu einer Frage mit erheblichen sozialen Konsequenzen ausweiten. Der Gedanke, dass ein Mensch, der mit seinem hart verdienten und versteuerten Geld eine Lebensversicherung abschließt, ein Sparbuch eröffnet oder eine Rentenanwartschaft begründet, eine ganz unbegründete Erwartung hegt, wenn er davon ausgeht, dass er nach vielen Jahren am Ende seines Berufslebens mehr zurückerhält als er eingezahlt hat (und als er hätte, wenn er oder sie das Geld zu Hause aufbewahrt hätte), würde diesen Menschen zu recht empören. Und wenn man seiner Erwartung auf eine positive, über der Inflationsrate liegenden Rendite mit dem vom Autor wiederholt bemühten Prinzip einer Exponentialfunktion begegnete, würde er zu recht sagen, dass die Steigung der Funktion – insbesondere unter Berücksichtigung der Inflation – nur moderat sein müsse, er die x-Achse auch nicht bis ins Unendliche wachsen lassen wolle, da Bürger im Alter dazu neigen zu entsparen und von ihren Vermögen, welches wie bereits mehrfach betont durch den von der Gegenseite gescholtenen Zins erst gewachsen ist, zu leben. Beides zusammen, die moderate Steigung und die begrenzte Zeit, mal abgesehen von dem wunderbaren Beispiel des Josephspfennings, auf die es ihm ankomme, unser Wirtschaftssystem schon nicht zusammenbrechen lassen werde.

 

 

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