Wieso der Zins unverzichtbar ist!

Sind Zinsen ein wichtiger und nützlicher Bestandteil einer Volkswirtschaft oder sind sie schädlich?

 

Der Zins ist das Entgelt, das der Schuldner dem Gläubiger für die vorübergehende Überlassung von Kapital zahlt. Am bekanntesten ist der Zins, der gezahlt wird für die Überlassung von Geld, also zum Beispiel für die Inanspruchnahme eines Darlehns (Schuldzins) oder die Bereitstellung einer Spareinlage (Sparzins). Aber auch für die vorübergehende Nutzung von Gegenständen oder Immobilien wird ein Zins gezahlt, der Miet- oder Pachtzins. Der Zahlung von Zinsen liegt eine echte Leistungsbeziehung zugrunde: Der Gläubiger nutzt Kapital oder Gegenstände, die ihm gehören, nicht selbst. sondern überlässt sie vorübergehend, ggf. auch für sehr lange Zeit einem Anderen zur Nutzung. Statt sein Geld zum Beispiel für einen Urlaub oder den Kauf eines Autos zu verwenden, gibt der Eigentümer des Kapitals sein Geld einem Dritten. Dieser Dritte kann jetzt mit dem Geld einen Urlaub buchen oder ein Auto kaufen. Oder statt in seinem Haus selbst zu wohnen, stellt er es einem Dritten zur Nutzung zur Verfügung. Bekäme der Eigentümer dafür, dass er sein Kapital oder sein Eigentum einem Anderen überlässt, keine Gegenleistung, würde er in den meisten Fällen nicht zur Überlassung bereit sein. Warum sollte er es auch tun? Er könnte sein Eigentum nicht nutzen und trüge das Risiko, dass der andere das Geld oder den überlassenen Gegenstand nicht zurückgeben könnte oder wollte.

Die Überlassung von Geld oder Gegenständen auf Zeit im Gegenzug zur Übernahme der Verpflichtung, einen Zins für die Überlassung zu zahlen, kommt im Privatleben ganz regelmäßig vor. Bei der Vermittlung von Kapital hat sich aber schon im Mittelalter gezeigt, dass die Einschaltung von Intermediären, also Vermittlern, effizienter ist, da diese Institute Geld von vielen Menschen einsammeln können, die Geld haben, es aber gerade nicht benötigen, um es an die weiterzugeben, die – umgekehrt – kein Geld haben, es aber gerade jetzt benötigen. Auf diese Weise entstanden Banken und das, was wir heute „Kapitalmarkt“ nennen. Der Kapitalmarkt ist im Grundsatz genau so ein Markt, wie der, auf dem man am Samstagvormittag einkauft. Er bringt Menschen zusammen, die auf der einen Seite einen Gegenstand, in einem Fall Geld, im anderen Fische, Käse oder Blumen, bereitstellen und andere, die genau diese Gegenstände nachfragen.

Dass der Kapitalmarkt gerade für die Menschen mit geringen oder mittleren Einkommen besonders hilfreich ist, zeigt das folgende Beispiel. Eine junge Familie möchte sich ein Reihenhaus am Stadtrand kaufen, um nicht weiter Miete zahlen zu müssen. Das Haus ist für sie nicht nur eine Unterkunft für heute, sondern auch ein wichtiger Bestandteil der Alterssicherung. Die Familie hat ein Nettoeinkommen von € 3500. Das Haus kostet € 300.000. Über größere Ersparnisse verfügt die Familie nicht. Es liegt auf der Hand, dass der Erwerb des Hauses ohne einen Kredit nicht möglich wäre. Deswegen wendet sie sich an eine Bank. Die Bank gibt der Familie den Kredit. Dies kann sie tun, da ihr Sparer, die ihr Geld gerade nicht benötigen, dieses Geld zur Verfügung gestellt haben. Da die Bank Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt und auch sonstige Kosten hat, muss sie Für ihre Leistung ein Entgelt verlangen. Die Eigentümer der Bank wiederum erwarten dafür, dass sie der Bank ihre Geschäfte und dabei ein gewisses Risiko tragen, ebenfalls ein Entgelt. Dies ist alles nicht anders als bei dem Fischhändler auf dem Markt, der morgens sehr früh auf dem Großmarkt den Fisch einkauft hat und ihn dann im Laufe des Tages an die Verbraucher verkauft.

Um es festzuhalten: Der Zins ist ein Preis für eine Leistung. Banken bieten als Finanzintermediäre einen Marktplatz, der die Verteilung von Kapital zwischen denen, die es anlegen wollen und denen, die es benötigen, effizient gestaltet. Dieser Marktplatz ist aus dem Wirtschaftsleben nicht mehr wegzudenken, ist damit ein essentieller Bestandtil unseres heutigen Wohlstandes und würde ohne die Existenz von Zinsen nicht funktionieren. Darüber hinaus ist die Bankenindustrie ein wichtiger Arbeitgeber und trägt damit in normalen Zeit in signifikanter Weise zum Volkseinkommen bei.

Wo also liegt das Problem? Nun, zunächst einmal gibt es in jedem Markt Krisen und Ausnahmesituation und die Finanz- und Kapitalmärkte befinden sich seit der Finanzkrise von 2008 in einer nahezu permanent angespannten Situation. Hätten diese oder andere Krisen durch einen Verzicht auf Zinsen vermieden werden können? Sicher nicht, eher im Gegenteil. Die Krise von 2008 wurde ebenso wie die von 1929 durch das ausgelöst, was man eine „Blase“ nennt, also die Überbewertung von Wirtschaftsgütern. 1929 waren es Aktien, also Unternehmen, die weit überbewertet waren. Und 2008 waren es Immobilien. Die Überbewertungen wiederum waren die Folge von zu billigem Geld, also gerade von zu niedrigen oder praktisch nicht existierenden Zinsen, die die Menschen dazu verleiteten, sich übermäßig zu verschulden. Platzt die „Blase“, das heißt wird die Überbewertung als solche erkannt, kommt es zu einem Einbruch der Bewertung und in deren Folge dazu, dass die Inhaber der überbewerteten Wirtschaftsgüter diese zu verkaufen versuchen. Der Verkaufsdruck entsteht vor allem deswegen, weil die Wirtschaftsgüter im Vertrauen auf stetig steigende Bewertungen im Allgemeinen fast vollständig auf Kredit finanziert sind und die für den Kredit gegebene Sicherheit, eben das erworbene Wirtschaftsgut, plötzlich an Wert verliert. Als Folge der hohen und gleichzeitig stattfindenden Verkäufe fallen die Bewertungen und Preise weiter und die Krise verschärft sich. Neben dem zu billigen Geld als Folge von zu niedrigen Zinsen hat auch die weit überzogene Deregulierung der Finanzmärkte in den späten 90er Jahren des letzten Jahrhunderts ganz wesentlich zur Finanzkrise beigetragen.

 

Auch die Staatsschuldenkrise, hat aus meiner Sicht vielmehr mit den seit Einführung des Euro in vielen Ländern zu niedrigen Zinsen zu tun, die dort zu einer scheinbar schmerzfreien viel zu hohen Verschuldung geführt hat, als mir der Existenz von Zinsen als solche. Viele Wissenschaftler sehen genau deswegen die extrem niedrigen Zinsen, die wir heute beobachten, als mögliche Ursache für die nächste „Blase“ und damit die nächste Krise.

Neben der eher aus Krisen im Allgemeinen und der großen Finanzmarktkrise im Besonderen abgeleiteten Kritik gibt es auch eine Reihe von grundsätzlichen Kritikpunkten am Zins. Abgesehen von religiös und vor allem antisemitisch begründeten Polemiken gegen „die jüdische Zinsknechtschaft“, die ich für unsäglich und völlig irrelevant halte, lassen sich die ernsthaften Kritikpunkte in drei Gruppen einordnen. Zum einen wird gesagt, dass die Existenz von Zinsen die Schere zwischen arm und reich verstärke. Hier geht es um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit. Zweitens wird darauf hingewiesen, dass der Zinsnehmer eine ihm eigentlich gar nicht zustehende Leistung erhalte, also ausbeuterisch handele. Und schließlich wird die Behauptung aufgestellt, dass durch die Wirkung des Zinseszinses jedes zinsbasiertes Wirtschaftsmodell „in der Ewigkeit“ nicht aufrechterhalten werden könne.

Ich möchte mit dem letzten Kritikpunkt beginnen, den Zweifeln an dem „Ewigkeitswert“ des Zinsmodels. Abgesehen davon, dass aus einer rein weltlichen Sicht nichts ewig währt und damit dieser Vorwurf ins Leere geht, basiert er im wesentlichen auf der Annahme, dass einem Wachstum, das durch Investitionen und damit verbundenen Krediten gestärkt und unterstützt wird, zeitlich absehbare Grenzen gesetzt sind. Der Zins trage damit zumindest mittelbar zu einem Raubbau an den natürlichen Ressourcen der Welt bei. Ich glaube aber nicht daran, dass dem Wachstum in der Welt absehbare Grenzen gesetzt sind. Die in dem Buch „Grenzen des Wachstums“ aus den 70er Jahren geäußerten dementsprechenden Erwartungen haben sich als gänzlich verfehlt erwiesen. Gerade der Blick über unseren eigenen, eher kleinen deutschen, europäischen oder nordamerikanischen Horizont nach Asien oder Afrika zeigt, welche außerordentlichen Wachstumsmöglichkeiten es in der Welt noch gibt.

Der erste Kritikpunkt betrifft die Frage, ob Zinsen die Ungleichheit in der Welt verstärken. Für diese Annahme gibt es keinen volkswirtschaftlichen Beleg. Im Gegenteil, die Möglichkeit über verzinste Anlagen, sei es in Form von Wertpapieren oder Lebensversicherungen, sein Vermögen zu mehren und für das Alter vorzusorgen, hilft gerade den Normalverdienern, da sie sonst, anders als die Inhaber großer Vermögen, kaum Möglichkeiten hätten, einen realen Vermögensverlust zu vermeiden. Den zweiten Kreditpunkt, nachdem Gläubiger von verzinsten Anlagen ausbeuterisch handeln, habe ich bereits oben widerlegt. Die Bereitstellung von Kapital ist ebenso eine echte Leistung wie die Bereitstellung von Gütern oder Dienstleistungen. Es ist daher völlig korrekt, für diese Leistung eine Gegenleistung in Form eines Entgeltes, also eines Zinses zu verlangen.

Zusammenfassend möchte ich feststellen, dass der Zins eine zentrale und positive Rolle in der Volkswirtschaft spielt und zu Wohlstand und Wachstum beiträgt. Dagegen überzeugt die Kritik, die gegen den Zins erhoben werden, nicht.

 

Kommentar verfassen