It’s not all just propaganda – Warum Linke ein problematisches Kulturverständnis haben

Wie kann es sein, dass Kunst und Kultur von Konservativen vereinnahmt werden, obwohl ihr Grundgedank eher ein linker ist? Schuld daran trägt die linke Kulturabstinenz, die nicht unbegründet ist.

Menschen aus Kunst und Kultur sind in unserer Gesellschaft als links und ihre Ideen schnell als sozialistisch verschrien, doch trotzdem trifft man bei Ausstellungen oder Theaterpremieren mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auf mehr Menschen mit einem Mitgliedsausweis der FDP als auf Menschen, die sich mit sozialistischen Ideen die Zeit vertreiben. Die Gründe für die linke Kulutrabstinenz  sind vielfältig, jedoch lassen sich viele auf eine historisch begründete Angst vor Manipulation durch Kultur zurückführen. Damit isoliert sich die politische Linke von Kreativen, die mit ihrer Kritik Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung haben.

Politische Menschen, somit auch Linke, sehen in vielen Alltäglichkeiten und Prozessen immer etwas politisches, ob beim Vordrängeln an der Kasse oder beim Hauptsendezeit-Spielfilm. Ob das absolutes politisches Engagement, eine selbstzerstörerische Perspektive oder beides ist, sei dahin gestellt. Doch der Anspruch immer eine politische Aussage zu haben, lässt viele Linke Kultur nur als Mittel der politischen Agitation betrachten. Deshalb misstrauen einige der aktuellen Kultur, da alles wie eine von den „Eliten“ gesteuerte Ablenkung wirkt. Auf Produkte der Kulturindustrie, also die Popkultur mag zwar der ablenkende und gewinnzentrierte Gedanke zutreffen, aber weder werden diese von einer meist unbestimmten Gruppe mit mysteriösen Mitgliedern bestimmt, noch trifft das auf Produkte der Hoch- und alternativen Kultur zu.

Neben diesem angeblichen Ablenkungsfaktor betrachten einige Hochkultur als bourgeois und somit wird sie strikt abgelehnt. Das alte Denken in wir hier unten (die Arbeiter) und die da oben (die Ausbeuter) wird auch bei gesellschaftlichem Wandel weiterhin gebraucht und infolgedessen ist das Theater oder die Oper immer noch der Saal der Reichen und Schönen. Dass man sich diese Räume „erkämpfen“, bzw. sich eine Eintrittskarte kaufen, kann, scheint keine Option zu sein. Doch selbst in insgesamt reaktionären Staaten, wie z.B. der realsozialistischen DDR, war kulturelle Bildung eine wichtige Angelegenheit für sogenannte Linke. Kultur war für jeden Menschen -unabhängig vom sozialen Status- bezahlbar, so dass auch Kinder von Armen in die Oper gehen konnten. Der Haken war, dass Kultur hier zur politischen Idoktrination benutzt wurde. Die DDR-Vergangenheit prägt zwar einige Teile der politischen Linken bis heute, doch es wirkt sehr unwahrscheinlich, dass sie ebenfalls ein Grund für linke Kulturabstinenz ist.

Der Hang zum Populismus, zur Konkretisierung und der Parolenfetischismus stellen einen weiteren Grund für den linken Kulturschlaf dar. Verkürzte Kritik am System lässt wenig Raum für abstrakte Darstellungen globaler Probleme und komplexe Erklärungen.

Um die linke Szene in Schutz zu nehmen, muss ich sagen, dass das ständige Handeln gegen Repression, Neonazismus usw. irgendwann zum bloßen Reagieren wird und daher wenig Zeit für den monatlichen Theaterbesuch bleibt. Viel Zeit für das Hinterfragen des Sinns der eigenen Arbeit bleibt ebenfalls nicht und wird als überflüssig betrachtet, auch weil das Konkrete oft so sinnvoll wirkt. So fällt es vielen Linken schwer, über ihre Arbeit zu reflektieren und ihr Handeln anhand der Kriterien Aufwand und Wirkung zu betrachten. Vielleicht besteht auch unbewusst die Angst, dass wenn man den eigenen Aktivismus kritisch betrachtet, er sich als banal, wirkungslos, gar kontraproduktiv oder schlimmstenfalls als purer Aktionismus herausstellt.

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