Was ist gerecht?

Die OECD warnt: In keinem anderen Industrieland der Welt geht die Schere zwischen Arm und Reich so schnell auseinander wie in Deutschland. Doch ist das bedenklich? Oder sind soziale Ungleichheiten gerechtfertigt? Und wer definiert was gerecht ist?

Ein Versuch diese Fragen zu klären .

Ungleichheit

In unserem Sprachgebrauch wird Ungleichheit oft im Zusammenhang mit Ungerechtigkeit genannt, da zu große soziale Ungleichheit oftmals als ungerecht empfunden wird? Doch wie kommt Ungleichheit überhaupt zustande?

Der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis führt die globale Ungleichheit in seinem Buch „Time for Change“  auf die erste technische Revolution der Menschheit zurück, der Erfindung des Ackerbaus. So sei, nach Varoufakis, der Agrarüberschuss der Grund für die Erfindung von Sprache, Geld und Schulden gewesen. Er führte also zu unglaublichem Fortschritt in Gesellschaften in denen der Ackerbau erfunden wurde. Doch Gesellschaften wie zum Beispiel die Aborigines hatten keinen Bedarf nach Ackerbau, da die Nahrung die die Natur von selbst erbrachte ausreichte um sich ausreichend zu ernähren.  Dies führte laut Varoufakis zu einer Ungleichheit der Länder auf der Welt. Ein weiterer Grund für die globale Ungleichheit sind nach Varoufakis die unterschiedlichen geografischen und klimatischen Bedingungen. So hätte sich  Simbabwe, ein Land, dass sich ebenfalls früh zu einer Agrargesellschaft entwickelte, nie wirklich ausbreiten können und andere Länder einnehmen können, da der Afrikanische Kontinent durch viele verschiedene Klimazonen verläuft die den militärischen Erfolg erheblich erschwerten, hingegen europäische Mächte, die den Vorteil hatten, dass der eurasiche Kontinent nur auf wenigen Breitengraden und somit durch wenige Klimazonen verläuft. Dies sei der Grund dafür, dass sich nie eine afrikanische Supermacht entwickeln konnte.

Festzustellen ist also, dass die globale Ungleichheit nicht darauf beruht, dass Europäer fähiger sind als Afrikaner, sondern auf verschiedenen geografischen und sozialen Begebenheiten. Diese Feststellung führt dazu, dass wir die wachsende globale Ungleichheit nicht als gegeben hinnehmen dürfen sondern sie als empörend empfinden sollten! Denn oft wird Ungleichheit damit gerechtfertigt, dass sie auf unterschiedlichen Leistungen beruht und, somit auch gerecht sei. Dies ist auf globaler Ebene schlichtweg falsch.

Doch es gibt auch noch eine zweite Form der Ungleichheit. Der Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft. Diese nehmen wir im Gegensatz zur globalen Ungleichheit täglich wahr. Doch ist diese gerechtfertigt? Und ist unsere Gesellschaft gerecht?

 

Damit die Ungleichheit innerhalb unserer Gesellschaft als gerecht bewertet werden darf müssten bestimmte Vorraussetzungen gelten.

Vor allem müsste in Deutschland Chancengleichheit herrschen, das heißt, dass jedes Kind die gleichen Startchancen erhält. Denn nur unter dieser Vorrausetzung macht das Dogma unserer Marktwirtschaft, dass sich Leistung lohnen muss, überhaupt Sinn. Tatsächlich herrscht aber in Deutschland eine eklatante Chancenungleichheit, was daran deutlich wird, dass Kinder aus Akademiker-Familien finanziell deutlich erfolgreicher werden als Kinder aus sozialschwächeren Familien. Um es in einer Metapher auszudrücken: Um einen gerechten 100 Meter Lauf durchzuführen müsste jeder Teilnehmer am gleichen Punkt starten, damit alle die gleichen Chancen haben. Tatsächlich starten aber Teilnehmer aus sozial-stärkeren Familien mit 50 Meter Vorsprung. Dies würde jeder als ungerecht empfinden doch in unserer Gesellschaft geschieht genau dies, und hier wird dies als gerecht empfunden.

Auch das Credo unseres Systems, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben würden ergibt unter solchen Vorraussetzungen wenig Sinn, da die Startchancen sehr ungleich verteilt sind. Wir leben also in keiner Leistungsgesellschaft mehr, sondern in einer Erfolgsgesellschaft. Dabei ist der Erfolg jedoch von vielen Faktoren abhängig die nicht beeinflussbar sind, wie zum Beispiel der Möglichkeiten die man durch sein Elternhaus erhalten hat.

Ist eine soziale Ungleichheit also auch eine Ungerechtigkeit?

Grundsätzlich nicht, denn Ungleichheit ist immer gegeben, durch unterschiedliche erbrachte Leistungen, und gegen das Dogma „ Leistung muss sich lohnen“ ist nichts einzuwenden. Zudem ist eine finanzielle und soziale Ungleichheit schlichtweg nicht zu vermeiden und auch nicht weiter bedenklich. Doch trotzdem ist die soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft auch eine Ungerechtigkeit. Warum? Zum einen spielt, wie schon beschrieben, nicht Leistung die alleinige Rolle für Erfolg in unserer Gesellschaft sondern mit dem Begriff der Leistung auch Faktoren wie ungleiche Startchancen. Dies äußert sich daran, dass wir kaum soziale Durchlässigkeit haben. Zum anderen nimmt die Ungleichheit In unserer Gesellschaft Auswüchse an, die nicht mit Leistungsunterschieden zu erklären ist. Oder wie sonst kann es sein, dass Menschen mit normalem Job kaum über die Runden kommen während andere im völlig absurden Überfluss leben.

Ungleichheit ist also nicht automatisch ungerecht. Viel mehr wird die Ungleichheit auch ungerecht durch ihre Auswüchse und Gründe.

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