Leichte Kost

Wir müssen dringend unsere Definition von Kultur ändern, sonst füllt Mario Barth noch das Olympiastadion… okay, dann noch etwas größeres als das.

Amüsement, Popkultur, Comedy – bürgerlich, pseudorevolutionär, spaßig.

Lasst uns mal bitte über unser Verständnis von Freizeit und Kultur reden! Die Kultur scheint die Religion abgelöst zu haben (yay!). Zumindest in Sachen der Betäubung und Ablenkung des Individuums. Wenn die Religion das Opium des Volkes wäre, dann ist unsere Definition von Kultur die billige Partydroge, die man sich am Wochenende zwischen der nächsten Hausarbeit und dem Arbeitstag einwirft. Billig, wirkungsvoll und massenkompatibel.

Von meist unpolitischen Freund*innen wird mir immer wieder vorgeworfen, ich könne nicht entspannen. Ihr habt ja schon recht, aber ihr könnt nicht aufhören zu entspannen. Auf mein Entsetzen, was ihr unter Literatur, Film und Humor versteht, folgt ein „Man muss sich ja auch mal was Entspannendes gönnen. Leichte Kost eben.“. Danach wendet man sich den Mario Barthen, die Abitur als Nachweis für einen intelligenten Humor besitzen sollten, wieder zu und taucht ab in die Entspannungsoase.

Was ist diese leichte Kost?

Zum Beispiel Bücher und Filme, die sich dem grauen Alltag in einer entweder abenteuerlichen roten oder romantisierenden rosa Färbung widmen. Sie kann entweder total realitätsfern sein oder auf dem Grad zwischen der Realität und dem (Alb-)Traum balancieren. Die Popkultur muss nur eines bewirken: Die Ablenkung von mir.

Konkrete Probleme der Welt, wie z.B. Kriege, die ich abends in der Tagesschau sehe, oder Obdachlosigkeit und die den Menschen zerstörenden Arbeitsverhältnisse, die ich jeden Morgen auf dem Weg zur Schule oder zum Arbeitsplatz beobachten kann, erschweren meine Offenheit gegenüber abstrakten Problemen. Die Masse der sichtbaren Fehler lässt die abstrakten unwichtig wirken. Deshalb fällt es uns leichter, unsere Freizeit mit Popkultur zu füllen.

Ich, meine Probleme, die anderen, deren Probleme und unsere Probleme geraten für 120 Minuten oder 340 Seiten  in Vergessenheit. Ist ja auch gut so. So plagen mich die Zweifel an einer sicheren Zukunft nicht 24/7. Sie weichen dem Vakuum des leichten Spaßes. Der Druck lässt nach und wenn’s dann doch noch gesellschaftskritisch wird, kriegt der Kabarettist durch einen Frau-Mann-Vergleich gerade noch die Kurve der leichten Unterhaltung.

Diese Kultur berauscht nicht, sie betäubt.

Das Muster des Gewands der Popkultur bleibt seit Jahrzehnten gleich, lediglich der Schnitt und der Name ändern sich. Das hat zur Folge, dass selbst vermeintlich neumodische und alles verändernde Ideen und reformtüchtige Künstler*innen keinen bedeutenden Unterschied machen und die Kulturindustrie weiterhin das produziert, was der Mensch fühlen will.

Den Medien oder der Kulturindustrie die gesamte Schuld zuzuweisen ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Denn diese Schuldzuweisung kann die angebracht kritische Haltung gegenüber den Medien in eine Lügenpresse-Attitüde umschlagen lassen. Dass der Markt immer das produziert, was ich sehen, hören, lesen will, wird schnell mal ignoriert. Selbst in akademischen und linken Kreisen wird immer wieder von einem Dummhalten der Menschen geredet und die Moralapostel sprechen dem Individuum die Verantwortung für den eigenen Konsum ab.

Unsere Definition von Kultur ist so sehr von der Anschauung, dass Bildung (Arbeit, Schule) und Freizeit (Kultur) etwas konträres seien, geprägt, so dass wir uns nicht einmal wagen, in unserem Privatleben auch nur einen neuen Wissensfetzen aufzuschnappen. Dass diese Bildungsverdrossenheit schon auf kurze Sicht problematisch ist, erklärt sich. Doch in der Zukunft der Automat- und Digitalisierung könnte unser Kulturverständnis den Menschen wahrhaft verdummen. Die aus dem Wegfall vieler Arbeitsplätze resultierende Freizeit der Menschen könnte effizient für die politische, kulturelle und sprachliche Bildung genutzt werden, wenn diese Zeit als eine aktive Phase wahrgenommen würde. Wenn wir uns nicht in diese Richtung begeben, werden wir eine Masse von Arbeitslosen, die sich eine Mario Barth-Kolumne in der Bild Zeitung wünscht – also unser Klischee über diese ach so „dummen Hartzer“.

Das hier ist kein Plädoyer für eine Hochkulturisierung unserer Freizeit, doch ein Appell, Kultur nicht nur als Unterhaltung im und Ablenkung vom Alltag wahrzunehmen.

 

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