„Wir verklagen den Staat Österreich“

 

Eine ältere Dame und ihr Anwalt erheben Klage gegen einen ganzen Staat, um zurückzukriegen, was ihr rechtmäßig zusteht. Es handelt sich dabei um Kunstwerke Klimts, einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Klimt malte fünf Porträts der Tante von Maria Altmann, der älteren Dame, die nun diese Gemälde zurück haben möchte, nachdem sie von den Nazis im Jahr 1938 enteignet wurden.

Es ist das Jahr 1937. Die gesamte Familie Bloch- Bauer kommt zusammen, um Maria und Fritz Altmann die besten Glückwünsche auszurichten. Man spricht von halb Wien, das in der prächtigen Villa heute zu Gast ist. Es wird ohne zurückhalten getanzt, getrunken und geraucht. Dabei fällt jedermanns Blick auf das Diamantcollier der Braut. Stolz trägt sie das Schmuckstück, das ihr Onkel ihr zur Hochzeit schenkte. Maria blickt auf ein Gemälde. Es hat sie schon immer angesprochen. Dargestellt ist eine Frau mit dunklen Haaren und einem goldenen Kleid. Der Hintergrund ist ebenso goldfarben. Für Maria ist die Frau im Porträt nicht unbekannt, es ist ihre Tante Adele. Sie blickt auf die Halskette Adeles und erinnert sich an die Worte ihres Onkels: „ Adele würde wollen, dass du sie trägst. „Wärst du nur hier“, Tante Adele, denkt sie sich. Sie wischt sich die Tränen und geht wieder raus in den Saal.

60 Jahre sind vergangen. Maria lebt mittlerweile in Los Angeles, besitzt eine kleine Boutique und ist Witwe. Sie kramt in den Sachen ihrer Schwester, die ihr geschickt wurden nach ihrem Tod. Plötzlich entdeckt sie eine Postkarte aus dem Museum Belvedere in Wien. Sie dreht sie um und muss zwei Mal nach Luft schnappen. Das, auf der Postkarte dargestellte Bild kommt ihr sehr bekannt vor. Es ist das Porträt ihrer Tante Adele, das Gustav Klimt 1907 in Wien gemalt hat. Das Kunstwerk wurde mit vielen anderen Gemälden, die die Familie Bloch- Bauer besaß 1938 von den Nazis in Beschlag genommen. Es wurde dann im Museum Belvedere ausgestellt und es geht noch schlimmer. Der jüdische Name „ Adele“ musste natürlich umgeändert werden und das Gemälde erhielt den Namen „Damenbildnis mit Goldhintergrund“. Die Bloch- Bauers waren eine reiche, angesehene und jüdische Familie. Schriftsteller, Künstler, Musiker, alle sie gingen in der Wohnung der Familie ein und aus. Kurz nach dem Raub der Nazis schafften es Maria und Fritz, trotz des Ausreiseverbots für Juden nach Köln zu gelangen und von da aus über die holländische Grenze in die USA zu fliehen. Sie kamen bei Marias Schwester in Kalifornien unter. In 60 Jahren kehrte Frau Altmann nicht zurück nach Wien. Beim Finden dieser kleinen, bestaubten, zerknickten und dreckigen Postkarte wurde ihr bewusst, dass dieses Gemälde rechtmäßig der Familie BlochBauer gehörte. Zusammen mit dem Anwalt Randy Schönberg reiste sie nach Wien, um die Gemälde, die ihr zustehen, zurückzukriegen. Bei den ersten Gesprächen wurden die beiden eher nicht ernst genommen und belacht. Immer wieder suchte Maria Gespräch mit der RestitutionsKommission Österreichs, wurde jedoch jedes Mal abgewiesen. Nicht nur für sie war diese Auseinandersetzung mit dem Vergangenen sehr belastend, sondern auch für den jüngeren Anwalt Schönberg, Enkel des Komponisten Arnold Schönberg. Seine Vorfahren stammten ebenfalls aus Wien, und sind damals nach Amerika geflohen. Als sie erfuhren, dass eine Rückgabe der Gemälde nicht möglich sei, oder besser gesagt, die Kommission sich nicht einmal genau anhören wollte, was genau Maria wollte, beschlossen die beiden zu klagen.

7 Jahre waren sie im Rechtsstreit. Im Testament Adeles, wünschte sie sich dass, das Gemälde nach dem Tod ihres Mannes Ferdinands im Belvedere ausgestellt wird. Dieses Testament war jedoch ungültig, da es nicht rechtlich abgeschlossen wurde, zudem starb Adele 1925, somit wusste sie nicht einmal, wie sich die Situation in Wien verschärfen würde. Zudem unterschrieb Ferdinand damals die Quittung für den Kauf des Gemäldes, nachdem es Klimt gemalt hatte und dementsprechend gehörte es rechtmäßig ihm. Also konnte Adele gar nicht darüber verfügen. Das waren die Argumente Schönbergs im rechtlichen Verfahren. Es geschahen aber auch abstrusere Dinge mit den Diebstählen der Nazis. Die Halskette Adeles, die Maria bekam an ihrer Hochzeit, trug später Emmy Göring, die Ehefrau Hitlers Reichsluftfahrtsministers. Ein weiteres Kunstwerk mit einer dargestellten Naturlandschaft hing in Hitlers Unterkunft in den österreichischen Alpen. Wo diese ganzen Wertstücke jetzt sind und in wessen Händen, weiß keiner genau.

„Wir verklagen den Staat Österreich“ sagte Schönberg zu der Frau im österreichischen Konsul. „Das kostet 145 Dollar“, erwiderte sie und starrte die Beiden an, als wären sie verrückt geworden. Verständlicherweise. Eine 80 jährige Dame und ein unbekannter Anwalt wollen eine Republik verklagen. Verrückt aber nicht unmöglich. Natürlich klagte sofort Österreich gegen diese absurde Klage. Überraschenderweise wurde sie jedoch vom Gerichtshof abgelehnt und somit kam es nach sieben Jahren Rechtsstreit zu einer Verhandlung im Schiedsgericht. Die österreichische Vertretung warf den beiden vor, dass die Anklage unzureichend war, weil sie von den USA aus ging und eigentlich intern stattfinden sollte. Darauf erklärte Schönberg , es sei absurd zu erwarten, dass eine Dame 1,8 Millionen Dollar zur Verfügung hätte um zu klagen. So viel hätte es gekostet direkt in Wien zu klagen. Die amerikanische Vertretung behauptete, es sei unverantwortlich, gegen Österreich zu klagen, da es die internationalen Verbindungen der Länder destabilisiere. Eine doch sehr dramatische Prognose. Tatsächlich gelang es den beiden diese Verhandlung für sich zu gewinnen und somit fünf Gemälde, zwei davon Porträts Adeles, zurückzukriegen. Da es nie in ihrem Interesse lag die Gemälde zu besitzen, überließ sie diese dem New Museum in New York. Die Goldene Adele wurde für 135 Millionen Dollar von Ronald Lauder erworben. Schönberg spezialisierte sich nach dem Fall für Restitutionsfälle, da Maria nur Eine von Vielen dieser Generation war, dessen wertvollsten Stücke im NS-Regime geraubt wurden. Es gibt noch mindestens 100.000 weiter Diebstähle, bei welchen die Wertstücke nicht rechtmäßig zurückgegeben wurden. Zu der Geschichte der „Frau in Gold“ erschien nach dem Tod Maria Altmanns 2011, 2015 ein Film, mit Regisseur Simon Curtis.

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