Irgendwie schon immer links

Europa realisiert den Rechtsruck, der die logische Folge auf die Alternativlosigkeitspolitik ist. Linke Antworten gibt es nicht, da entweder ein Diktator als Verfechter der Demokratie gefeiert wird, oder andere regressiv-linke Positionen immer noch nicht begraben wurden.

Antifaschismus bedeutet immer aktives Handeln gegen rechte Strukturen. Recherchearbeit über lokale Neonazis, Demonstrationen gegen staatlichen und gesellschaftlichen Rassismus, Naziaufmärsche blockieren, Aufklärungsarbeit über die Inhalte rechter Parteien, Organisieren in Gruppen, Formierung von Bündnissen, Zusammenarbeit mit Geflüchteten und Migrant*innen, Alternativen zum Kapitalismus erarbeiten, Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und die Erziehung, dass Ausschwitz nicht noch einmal sei.

Der Antifaschismus, die Prävention gegen und die Bekämpfung von Rechtsextremismus,  würde ohne diese Arbeitsformen nur eine  Grundhaltung sein, die auch im bürgerlichen Milieu häufig vertreten ist. Doch es kommt eben nicht nur auf die Gesinnung des Menschen an, sondern darauf, ob der Mensch politisch aktiv wird, oder in seiner Rolle als Reservist und allwissender Beobachter dem Entstehen faschistischer Gruppierungen, zwar mit Sorge, aber ohne direktes Entgegenwirken, zuschaut. Oftmals reicht es eben nicht, nur „Nein!“ zu sagen. Oftmals ist ein klares Entgegenwirken gefordert.

Gelegentlich treffe ich Menschen, die sich als Linke verstehen und sich deshalb selbst so bezeichnen. Auf meine Frage, wieso sie sich politisch engagieren möchten, erhalte ich oftmals ein schnelles „Ich war schon immer irgendwie links.“. Von der/dem fast DKPler*in, bis hin zum ehemaligen AStA-Mitglied – Sie alle sind davon überzeugt, spätestens seit der frühen Jugend, wenn ich nicht schon seit der Geburt, stramme Antifaschist*innen oder Sozialist*innen zu sein, die bis jetzt nur nicht so wirklich aktiv waren. Gründe dafür gibt es viele: zwischenzeitliche Politikverdrossenheit, Studium, Arbeit, der nächste Umzug in die nächste Stadt oder der für mich am nachvollziehbarste Grund, nämlich das Gefühl der politischen Ohnmacht. Da ich die Neuen nicht mit unangenehmen Identitätstheorien abschrecken möchte (und insgeheim nach Harmonie strebe), folgt von meiner Seite oftmals ein Nicken mit einem leichten nasalen Lachen. Mein darauffolgendes „Verstehe“ bringt meine Unehrlichkeit und die Falschheit der Oberflächlichkeit auf den Höhepunkt, aber beendet ebenfalls meistens diesen unangenehmen Abschnitt der Konversation.

Doch meine Frage bleibt unbeantwortet und ungestellt. Kann ich von mir behaupten, schon immer links gewesen zu sein? Kann ein Nazi von sich behaupten, schon immer rechts gewesen zu sein? Oder sind die Sozialisation, mein Milieu und meine Begegnungen mit der Welt ausschlaggebend für meine spätere Entwicklung und den Status quo meiner politischen Gesinnung?

Statt meinen Genen, beeinflussen soziale Kontakte, Interaktionen und Erfahrungen den Prozess meiner (politischen) Identitäts- und Interessensbildung. Ein linkes, soziales Umfeld erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich später mit linken und sozialen Werten identifizieren kann und diese auch auslebe. Das familiäre Umfeld kann eine sehr prägende, aber auch eine relativ unwichtige Rolle in der Entwicklung eines Menschen haben, da die Verhältnisse zum Elternhaus und zu näheren Verwandten variieren. Freund*innen und bewunderte Erwachsene spielen hingegen in fast allen Fällen eine zentrale Rolle für die politische Gewissensbildung, da ab der Prä-Pubertät die meiste Zeit mit diesen Menschen verbracht wird.

Frühe Erfahrungen, die Selbsterkenntnis, d.h. das Bemerken von Diskriminierung gegenüber mir oder anderen, den soziale Status bemerken und hinterfragen, Alltagsrassismen und -sexismen erkennen. Für die Meisten wohl die ersten Schritte in Richtung einer linken Gesinnung und essentiell für das Verständnis von Ungerechtigkeit, weil diese oftmals erst schmerzhaft erlebt oder zumindest beobachtet werden muss, um verstanden zu werden.

Es ist ebenfalls schwierig zu behaupten, dass jemand ein „besserer*e“ oder „echte*r“ Antifaschist*in sei, nur weil man seit längerem politisch aktiv ist oder links denkt. Ein*e gute*r politische*r Aktivist*in zu sein, bedeutet, dass man sich für die politische Sache so gut wie möglich einsetzt und all ihre/seine Kraft und Leidenschaft in Projekte der antifaschistischen Couleur steckt.

 „Die einzige Wirklichkeit, die mir ganz und gar gehört, ist also mein Tun.“

Simone de Beauvoir

Versprechen des lebenslangen Antifaschismus gleichen religiösen Glaubensbekenntnissen und sind oftmals hohle Phrasen, die sich wohl erst am Ende des Lebens eines Menschen sagen lassen können. Es ist möglich, dass der/die Antifaschist*in von heute, übermorgen einige Bedenken hat, wenn eine Flüchtlingsunterkunft in seiner/ihrer Nähe gebaut wird. Rassismus ist nichts, wogegen einige Menschen immun sind. Im Gegenteil, unbewusste Rassismen und unbewusstes autoritäres Gedankengut finden sich in allen Menschen vor. Der richtige Umgang damit, also das Hinterfragen und Beseitigen von Vorurteilen, verhindert, dass der ehemalige Punk nun Mollis auf Geschäfte von nicht-Bio-Deutsche wirft.

Außerdem sind die Treueerklärung und der Geburtennachweis für den Antifaschismus nicht nur identisch mit der Denkweise von rechten Hetzer*innen, sondern sie bejahen ebenfalls deren Argumente, dass ein Mensch als Linke*r oder Rechte*r, Kulturfremde*r oder Kulturbeschützer*in geboren wird. Die Argumentation der Rechten, dass z.B. Muslime sich nicht in die von ihnen so geliebte deutsche Leitkultur und Demokratie integrieren könnten, da sie in einer anderen Kultur groß geworden sind, kriegt zwar den roten Anstrich, doch bleibt pure Identitätspolitik.

Linke Aktivist*innen sollten sich von solchen Erklärungen losreißen, da nach dieser Logik ihre Arbeit gegen den Rechtsextremismus nichtig wäre. Zu behaupten, dass Linke seit ihrer Geburt so gedacht und gehandelt hätten, wie sie es momentan tun, impliziert, dass Rechten das gleiche Schicksal ereilt hätte. Das würde bedeuten, dass Linke nun mal links und Rechte nun mal rechts geboren werden würden. Somit werden die Rechten unbewusst in die Rolle des Opfers ihrer Gene gedrängt und ihnen wird die Verantwortung für ihre politische Einstellung genommen. So werden Anti-Nazi-Aktivist*innen zu Rechtsextremismus Relativierer*innen.

„Ich wurde so geboren

Ich werde so bleiben bis ich sterb,

Ich wurde so geboren

Antifaschist für immer, für immer.“

Irie Revoltes (Antifaschist)

So muss ich leider der Vorzeige-Antifa-Band Irie Revoltes widersprechen: Sich antifaschistisch zu engagieren liegt nicht in manchen Genen oder wird durch die Geburt vorbestimmt. Nein, es sind die Sozialisation, meine Werte, die ich durch die Konfrontation mit meiner Umwelt, der Geschichte und Missständen erlange, und mein tagtägliches Handeln, die meine politische Gesinnung in aktiven Antifaschismus transformieren. Eine Garantie für die Beibehaltung meiner politischen Gesinnung gibt es nicht.

2 Gedanken zu „Irgendwie schon immer links“

  1. Da hast du komplett Recht, westliche Propaganda kränkt die Köpfe unseres Volkes und Arbeiter schon seit mehreren Jahrzehnten. Schönen Tag noch, Genosse!

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